Belgische Regierung spielt russisches Roulette

Leserbrief an die MZ vom 16.12.2015 zum Artikel

„Belgische Regierung spielt russisches Roulette“.

Nachdem 196 Staaten in Paris den Weltklimagipfel mit einem hoffnungsvollen Abkommen beendet haben, gibt es im Nachbarland Belgien akut negative Schlagzeilen mit zwei äußerst gefährlichen Atomkraftwerken. Letzten Montag abend ist trotz deutscher Proteste das  umstrittene AKW „Tihange 2“ wieder ans Stromnetz gegangen. Der Betreiber Electrabel hatte im März 2014 ihren Atommeiler wegen erheblicher Sicherheitsmängel abgeschaltet. So waren in der Kernenergieanlage 70 km westlich von Aachen mehr als 10 000 Haarrisse mit bis zu 18 cm Länge festgestellt worden. Der marode Druckbehälter ist das Herzstück eines Atomkraftwerkes und damit eine gefährliche Zeitbombe.

Unser Bundesland Nordrhein-Westfalen hat übers Jahr mehrheitlich Westwindströmung, so dass wir bei einem möglichen „Supergau“ den Großteil der Atomstrahlen abbekommen würden. Neben dem rissbeschädigten Druckbehälter hat das AKW „Tihande 2“ nach Hintergrundaussagen des Aachener Aktionsbündnisses gegen Atomenergie auch undichte Abklingbecken, außerdem einen Traffobrand im November 2014 sowie ein mangelhaftes Ergebnis beim Stresstest 2012 hinsichtlich der Erdbebensicherung hinter sich.

Trotz aller  Bedenken sieht die belgische Atombehörde FANC keine unmittelbaren Gefahren durch die erneute Wiederinbetriebnahme des Reaktorblocks. Damit setzt die belgische Regierung nicht nur ihre eigene Bevölkerung einem enormen Sicherheitsrisiko aus, sondern auch den deutschen Nachbarn. Inzwischen ist auch die Mehrheit der Belgier gegen die Atomkraftnutzung eingestellt. 66 Prozent unterstützen das Abschalten der ältesten AKWs und den konsequenten Ausbau der erneuerbaren Energien.

In 2016 wird sich der tragische Supergau in Tschernobyl zum 30. Mal jähren. Auf Grund der damaligen Ostwindströmung waren wir trotz großer Entfernung auch in Kierspe betroffen. Spielplätze wurden wegen Strahlungsgefahren durch den kontaminierten Sand geschlossen. Früchte aus den eigenen Gärten sollten nicht verzehrt, noch die Milch von Weidekühen  getrunken werden. In diesem zeitgeschichtlichen Zusammenhang rief ein hiesiger Bürger bei mir an. Er informierte mich über seine Krebserkrankung und die seiner Frau in den Jahren nach der Tschernobylkatastrophe. Der Anrufer und seine Ehepartnerin äußerte eine große Sorge,dass sich ein ähnliches Atomunglück mit dem viel näher liegenden Atomkraftwerk im Nachbarland nahe der deutschen Grenze mit
schlimmsten Auswirkungen wiederholen könnte.

Deshalb muss die NRW-Bevölkerung sowie die Landes- und Bundesregierung weiterhin einen massiven politischen Druck auf Belgien ausüben und die gefährlichen 40jährigen Atomreaktoren schnellstens und endgültig vom Stromnetz  nehmen.

Hermann Reyher
Fraktionsvorsitzender Bündnis 90 / Die GRÜNEN Kierspe

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